Zuletzt gesehen

Super 8, 16mm, VHS, Laserdisc, DVD, Blu-ray, etc.

Zuletzt gesehen

Beitragvon Alex » Do 24. Apr 2014, 10:46

Hier dürfen persönliche Gedanken gestreut werden: Egal ob Erinnerungsprotokolle, Gedankenfetzen, Tagebücher oder Listen. Je nach Tagesform könnten an dieser Stelle geduldig ausgearbeitete Kritiken oder in Eile hingeworfene Zweizeiler entstehen. Es geht um nichts geringeres als die Freude am vergangenen Filmerlebnis. Der opulent begangene Kino-Abend in feiner Gesellschaft gilt dabei ebenso wie die allein im Nachtprogramm eines TV-Senders entdeckte Perle.
Benutzeravatar
Alex
Lichtblick
 
Beiträge: 827
Registriert: Do 27. Feb 2014, 22:51

Re: Zuletzt gesehen

Beitragvon Alex » Do 24. Apr 2014, 10:58

Ich habe auf Netflix UK gestern endlich Sinister erwischt.

Bild

Der austauschbare Titel erinnert sofort an die unzähligen Ringu-Klone, die unsere Lichtspielhäuser seit den frühen 2000ern überfluten und den "Horror" mehr oder weniger aus dem Genre verdrängt haben. Dabei hat Scott Derrickson hier einen der im Ursinn des Wortes unheimlichsten Filme der letzten Jahre abgeliefert, der sich zudem eines meiner Herzensobjekte als zentrales Sujet ausgesucht hat: Das Super 8 Home-Movie.

Ellison Oswalt (Ethan Hawke) ist ein erfolgloser Autor von True Crime Büchern. In der Hoffnung auf einen Bestseller zieht er mit Frau und Kindern in ein Haus, das vor Jahren Schauplatz eines ungeklärten Massenmordes an einer ganze Familie wurde. Auf dem Dachboden findet er eine Kiste mit alten Super 8 Filmen und dem benötigten Zubehör. Am Ende der heimeligen Familienaufnahmen hat jemand die Morde aufgezeichnet. Oswalt entdeckt in der Kiste weitere Filme, die jeweils die Hinrchtung einer Familie in anderen Teilen des Landes beinhalten. Während er mittels einer Bild-für-Bild-Analyse versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen, wird er zunehmend paranoid...

Im Gegensatz zu den meisten Geister-Filmen neueren Datums verzichtet Sinister vollkommen auf den Empathie-Aspekt und präsentiert stattdessen eine sich immer weiter zudrehende Schraube des Schreckens. Dabei greift er vor allem auf ein raffiniertes Sound-Design zurück, das mit der verstörenden Inkonsistenz von Bild und Ton spielt. Das wirklich spannende an dem Film ist entsprechend die Verwendung des 8mm-Materials als Tor zu einer verborgenen Welt des Grauens. Waren in der jüngeren Vergangenheit eher Videotapes und digitale "Found Footage"-Dateien Träger von unerwünschten Mächten, so könnte sich hier tatsächlich ein neuer Trend abzeichnen, der das Analoge als Quelle des (familiären) Bösen entdeckt.

Ich habe jedenfalls selten so unruhig geschlafen und freue mich auf das geplante Sequel.
Benutzeravatar
Alex
Lichtblick
 
Beiträge: 827
Registriert: Do 27. Feb 2014, 22:51

Re: Zuletzt gesehen

Beitragvon Alex » Mo 19. Mai 2014, 11:01

Bild

Inspiriert von dem tollen (wenn auch de­ri­va­tiven) Plakat, habe ich mir gestern dieses Remake des gleichnamigen mexikanischen Films von 2010 angesehen. Das Original kenne ich nicht, aber ausgehend von diversen Krirtiken scheint es darin wohl sehr spezifisch um den sozialen "Moloch" des Heimatlandes zu gehen.

Jim Mickle transponiert die Handlung ins hinterwäldlerisch gezeichnete Delaware, wo ein aggressiver Sturm gerade Hochwasser und überflutete Grundstücke hinterlässt. Eines dieser Grundstücke gehört den Parkers, die zu Beginn des Films ihre Mutter und Ehefrau an eine zunächst mysteriöse Krankheit verlieren. Was niemand in dem Städtchen ahnt: Einige der sporadisch schwindenen Einwohner landen bei den Parkers zu besonderen Anlässen erst im Keller und anschließend auf dem Teller. Die beiden Töchter (Ambyr Childers und Julia Garner) sind allerdings nicht davon angetan, von ihrem jähzornigen Vater (Bill Sage) zur Ausübung der zeremoniellen Schlachtung und Zubereitung bestimmt zu sein. Unterdessen heftet sich ein misstrauischer Arzt (Michael Parks) an die familiären Fersen, dessen Tochter seit Jahren vermisst wird.

Was wie ein durchaus packendes Drama um eine komplizierte Familiendynamik beginnt, entwickelt sich im letzten Drittel leider zur vorhersehbaren Backwoods-Horror-Kompilation, für die kein einziges Klischee ausgespart bleibt. Die unausgegorene und lückenhafte Motivationsgeschichte sorgt außerdem dafür, dass eine Analyse isolierter Gesellschaftsformen ebenso in sich zusammenfallen muss wie ein politischer Kommentar. Unterm Strich bleibt milde unterhaltsames Terrorkino zurück, das durchweg schön aussieht und sich um eine poetische Bildsprache bemüht. Letztendlich fehlt dem Film aber vor allem eines: Das FLEISCH.

Es drängte sich bei der Sichtung übrigens immer wieder ein Vergleich mit Lucky McKees großartigem The Woman auf. Während dieser allerdings seinen Diskurs über patriarchale Unterdrückung mit einem subversiven Ausbruch beendet, kennt Mickles Film am Schluss nur den zu Tode gerittenen Übergang in eine von Männern geschaffene Riten- und Traditionswelt.
Benutzeravatar
Alex
Lichtblick
 
Beiträge: 827
Registriert: Do 27. Feb 2014, 22:51

Re: Zuletzt gesehen

Beitragvon Niels » Mo 23. Jun 2014, 23:50

Bild

Er ist endgültig in Hollywoods Elite angekommen: Matthew McConaughey, seit dem Frühjahr Oscar-Preisträger, ist gefragt wie nie. Grund dafür ist sein radikaler Imagewandel, vom Schönling aus seichten Komödien hin zum namhaften Charakterdarsteller. Noch vor wenigen Jahren dominierte in seiner Filmographie die Rolle des aalglatten Womanizers. Im neuen Werk von Regisseur Jeff Nichols ist er dementsprechend kaum wiederzuerkennen: Dreckig und tätowiert mimt er den geheimnisvollen Einsiedler und Titelhelden „Mud“. Dabei ist es nicht unbedingt seine Geschichte, die hier erzählt wird.

Vielmehr ist es der vierzehnjährige Ellis (Tye Sheridan), der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Das Hausboot seiner Eltern am Mississippi verlässt er regelmäßig, um mit seinem besten Kumpel Neckbone (Jacob Lofland) auf Entdeckungstour zu gehen. Als die Beiden auf einer kleinen Insel ein altes Motorboot ausfindig machen, treffen sie auf dessen sonderbaren Bewohner namens Mud. Nachdem dieser die gewalttätige Bekanntschaft seiner großen Liebe Juniper (Reese Witherspoon) erschossen hat, ist er dazu gezwungen, sich auf der Insel zu verstecken. In der Hoffnung nicht gefunden zu werden, nutzt er das Boot als Unterschlupf. Ellis und Neckbone freunden sich langsam mit dem eigenwilligen Flüchtling an und helfen ihm bei seinem Plan, mit Juniper ein neues Leben anzufangen. Gleichzeitig plant der skrupellose King (Joe Don Baker), sich am Mord seines Sohnes zu rächen, was auch die beiden Jungen in Gefahr bringt.

Nachdem Nachwuchsregisseur Nichols zuvor mit „Take Shelter“ ein düsteres Psychogramm der amerikanischen Mittelschicht inszenierte, ist „Mud“ in erster Linie ein Film über das Erwachsenwerden. Protagonist Ellis, mit seinen vierzehn Jahren zwischen kindlicher Naivität und verwirrenden Emotionen gefangen, durchläuft nach Muds Eintritt in sein Leben einen klassischen Reifeprozess und wächst an den Problemen, denen er sich stellen muss. Trotz aller Reminiszenzen an Genre-Klassiker wie „Stand By Me“ lässt sich der Film dabei aber nicht auf seine Coming-Of-Age-Prämisse reduzieren. So fischt Nichols stellenweise in den Gewässern elegischer Rachethriller, wenn auch nur in Form der gewaltbereiten Herren um den bedrohlichen King. Und vor allem zu Beginn läuft er mit der Schilderung der Lebensumstände im amerikanischen Süden Gefahr, sich im Gefilde düsterer Sozialdramen zu verlieren.

Dass „Mud“ aber im eigenen Handlungs-Potpourri seine erzählerische Stringenz bewahren kann, liegt vor allem an einer exzellent aufgelegten Schauspielriege. Allein in den Nebenrollen mit Reese Witherspoon, Nichols-Veteran Michael Shannon und Sam Shepard als Muds Ersatzvater Tom Blankenship prominent besetzt, überzeugt sie auch als Ensemble, was im letzten Jahr prompt mit dem Gewinn des Robert Altman Awards belohnt wurde. Die beiden Newcomer Tye Sheridan und Jacob Lofland empfehlen sich dabei mit ihrer unaufgeregt-authentischen Darstellung zweier abenteuerlustiger Heranwachsender für weitere Projekte. Vor allem Sheridan, zuvor bereits überzeugend mit einer kleineren Rolle in Terrence Malicks „Tree of Life“, sticht hier noch einmal besonders hervor. Er macht Ellis Unsicherheit und Frustration, aber auch seine Faszination am traurigen Helden Mud greifbar. Dessen Darstellung durch Matthew McConaughey wiederum gehört zu einer der aufregendsten, die es im filmischen Americana der letzten Jahre zu bestaunen gab.

Denn Mud ist als Figur ein waschechtes Kuriosum: Ein missverstandener, moderner Ritter, bewaffnet mit einer Pistole und einem weißen Leinenhemd um sich, so erklärt er, vor den bösen Mächten dieser Zeit zu schützen. Seit seiner Kindheit ist er in Juniper verliebt, die wie eine Prinzessin im Schloss (sie wohnt in einem ranzigen Motel) auf ihre Rettung zu warten scheint. Natürlich ist Ellis, dessen Eltern kurz vor der bitteren Scheidung stehen, sofort fasziniert von Muds romantischen, wenn auch extremen Idealen. Letztere wirken auf alle anderen überholt, repräsentieren doch die erwachsenen Männer im Film sonst eher verblasste Outlaw-Fantasien denn Identifikationsfiguren: Sie sind einsam, verbittert und äußern ihre Enttäuschung in Wut und Gewalt. Mud hingegen scheint sich der harten Realität entziehen zu wollen, weshalb ihn Nichols mit einer mysteriösen und deshalb zunächst gefährlichen Aura umgibt. McConaughey schafft es, die Ambivalenz dieses zutiefst tragischen Charakters auf den Punkt genau zu verkörpern.

Bild

Von derselben Ambivalenz scheint auch der Schauplatz der Geschichte, ein kleines Städtchen irgendwo in Arkansas, durchdrungen zu sein. Denn Im sozialen Niemandsland treffen dichte Wälder auf karge Landstraßen, leben Schönheit und Zerstörung in Symbiose. Nichols fängt dies in teils majestätischen Bildern ein, immer wieder auf den reißenden Fluss verweisend, der für die die Geschichte Fluch und Segen zugleich ist. Für Mud wird er zur unüberwindbaren Grenze, die ihn von Juniper trennt, Anwohner wie Neckbones fischender Onkel Galen hingegen sind von ihm abhängig. Vielleicht ist der Mississippi der eigentliche Hauptdarsteller des Films, scheint er doch auch noch präsent, wenn er gar nicht mehr zu sehen ist.

An seinem Ufer steht auch das Hausboot, in dem Ellis mit seinen Eltern zuhause ist. Wie sehr dessen glückliche Kindheitstage vom Einsturz bedroht sind, zeigt sich hier sehr deutlich: Sollten sich seine Eltern tatsächlich scheiden lassen, wird das Boot von der Regierung abgeholzt. Dass er Mud trotz der offensichtlichen Gefahr durch Kings Männer hilft, ist also auch eine Form von jugendlichem Fluchtversuch. In Muds Liebe zu Juniper, aber auch seiner eigenen zur hübschen May Pearl (Bonnie Sturdivant) scheint er Halt zu finden. Umso tiefer sitzt in Ellis der Stachel, als er lernen muss seine idealistischen Vorstellungen von Treue und Romantik aufzugeben.

In dieser Erkenntnis findet „Mud“ seinen dramaturgischen Höhepunkt, und das ansonsten etwas schleppende Tempo wird angezogen. Endlich beginnt der Soundtrack des hochtalentierten David Wingo groß aufzuspielen, auch wenn er, stellvertretend für den gesamten Film, die emotionale Intensität seines Vorgängers „Take Shelter“ nie ganz erreicht. Dennoch lebt Nichols dritte Regiearbeit, für dessen Drehbuch er sich ebenfalls verantwortlich zeigt, von einem ganz eigenen Südstaaten-Vibe, der nicht selten an Mark Twains Abenteuerromane á la „Huckleberry Finn“ erinnert. Und das katapultiert Nichols endgültig in die Riege der jungen Filmschaffenden, die das amerikanische Independent-Kino in den nächsten Jahren mit aufregenden Werken bereichern werden.
Benutzeravatar
Niels
Lichtblick
 
Beiträge: 221
Registriert: Fr 28. Feb 2014, 00:52

Re: Zuletzt gesehen

Beitragvon Niels » Di 24. Jun 2014, 11:19

Bild

Warum nur muss alles immer so kompliziert sein, im Alltag gut-situierter Thirtysomethings, wie sie uns das Kino in so sicherer Regelmäßigkeit beschwört? Xavier (Romain Duris) stellt sich dieselbe Frage – wohlgemerkt weniger selbstkritisch und mit seinen mittlerweile 40 Jahren hoffentlich zum letzten Mal. Denn Regisseur Cédric Klapisch möchte mit dem finalen Teil seiner L’Auberge Espagnole-Trilogie, hierzulande als Beziehungsweise New York in den Lichtspielhäusern, endlich reinen Tisch machen und Resümee ziehen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht: Wendy (Kelly Reilly) will sich von Xavier scheiden lassen und nimmt die gemeinsamen Kinder mit nach New York. Xavier trottet hinterher und zieht bei Isabelle (Cécile De France) ein, die mit ihrer Frau sein Spenderkind erwartet. Und dann sind da auch noch ein fragwürdiger Scheidungsanwalt, zwei deutsche Philosophen und natürlich Xaviers Ex-Freundin Martine (Audrey Tautou). Man ahnt bereits: Xavier ist noch weit entfernt von seinem innigen Wunsch nach spießbürgerlicher Ordnung.

Trotz der beinahe krampfhaften Bemühung Klapischs, im erwähnten Chaos ein Gefühl von Leichtfüßigkeit zu vermitteln, wirkt die Geschichte aber tatsächlich überladen. Seine Meta-Struktur – Xavier schreibt parallel zum Geschehen einen Roman über sein Leben – hätte der Film zum Beispiel gar nicht nötig. Einen gewissen Unterhaltungswert haben die episodenartigen Verwirrspiele um Xaviers Liebschaften aber trotzdem. Denn wenn nach einem müden Start das uninspirierte Beziehungsdrama endlich durch eine rasante Großstadtkomödie abgelöst wird, dann wird geliebt, gelacht und mitunter auch mal überbordend ejakuliert.

Zwar ist Klapisch kein Woody Allen, zotig gerät der Humor dabei aber trotzdem nicht. Beziehungsweise New York zelebriert genüsslich seinen Culture Clash und mündet in einem herrlich verworrenen Finale. Umso enttäuschender ist es deshalb, dass der Film seine Fragen schließlich mit banalen Lebensweisheiten zu beantworten sucht. Und erkennbar macht, dass insgesamt zu wenig aus dem Konzept kosmopolitischer Gefühlschaotik gemacht wird. Passenderweise fasst es Martine im Film selbst zusammen: Auf Xaviers Frage, wie sie denn sein Leben bewerte, antwortet sie: „Es ist normal kompliziert.“
Benutzeravatar
Niels
Lichtblick
 
Beiträge: 221
Registriert: Fr 28. Feb 2014, 00:52

Re: Zuletzt gesehen

Beitragvon Oliver » Do 21. Aug 2014, 18:54

Bild

Fesseln der Macht

Die Grundkonstellation von zwei Brüdern, der eine Priester und der andere Polizist, die sich innerhalb von korrumpierten Machtverhältnisse befinden, klingt nicht uninteressant, vor allem wenn die beiden Hauptdarsteller Robert De Niro und Robert Duvall heißen. Leider gelingt es Regisseur Ulu Grosbard nicht dem Zuschauer einen guten Zugang zur Geschichte zu gewähren, sodass zunächst Desorientierung herrscht, die sich zwar im Verlauf des Films legt, wodurch die erzählte Geschichte aber nicht interessanter wird. Es fehlt einfach an Spannung, dem richtigen Tempo und einem richtigen Ende.

Bild

Cowgirl

Irgendwie ist sowohl der Filmtitel als auch das Cover der DVD irreführend. Zumindest habe ich keine deutsche Gangsterposse erwartet, in der Alexandra Maria Lara als naives Dummchen aus dem Dorf durch Zufall die Hambuger-Gangster-Szene aufmischt. Regisseur Marc Schlichter zitiert reichhaltig ikonische Filmsequenzen und spielt mit primitiven selbstreflexiven Bezügen zwischen Film und Fernsehen. Angereichert wird dieses mit parodistischen Elementen, die keinesfalls zu überzeugen wissen. Schade ist es vor allem für die vielen bekannten deutschen Schauspieler, die in diesem Werk mitspielen.
Benutzeravatar
Oliver
Lichtblick
 
Beiträge: 1230
Registriert: Fr 28. Feb 2014, 00:36


Zurück zu Vorheriges ThemaNächstes Thema

Zurück zu Heimkino

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron